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Streßblick

Ein schönes Phänomen im Deutschland der abschmelzenden Mittelschicht: der Akademiker-Streßblick im Discounter. Herrschaften, die durch ihre Kleidung sonst Distinktion vorschützen, streunen durch die Supermärkte mit den Mienen verwilderter Hunde: die Lefzen hochgezogen, der Unterkiefer leicht entblößt, die Augen starr geradeaus gerichtet, die Designerhandtasche fest an den pilatesgegerbten Leib gekrallt. Ich gehöre nicht hierher, scheinen sie zu sagen, ich habe mich verirrt, ich bin von alldem angeekelt. So ähnlich müssen sich auch die Aristos aufgeführt haben, als sie aus dem revolutionären Frankreich geflohen waren: deklassiert und mit Insignien überholten Prunks ausgestattet, entwürdigt noch um Würde ringend. Denn richtig reiche Leute, die mehr haben als nur einen kümmerlichen Rest an kulturellem Kapital, gehen erstens nicht in Discounter und wenn doch, dann völlig entspannt, ja fast amüsiert: Ihnen kann ja nichts passieren. Wohingegen die Mittelschicht deutlich fühlt, daß sie nur die Vaude-Jacke von  dem um sie her brandenden Meer der Pfennigfuchser trennt - umso bulldoggenhafter müssen sie sie verteidigen.

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