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Sticks and Stones

Über die verschiedenen Formen des Beleidigtseins, nebst einer Handreichung für die Opfer unerträglicher Provokationen einerseits wie zum Selbstschutz der Provokateure andererseits


Während die Satiriker spotten, die Witzemacher witzeln und die Provokateure provozieren, sie alle also die Kunst des Ankeifens und des Giftelns verfeinern und ausdifferenzieren, schaffen sie stets auch eine Schatten-Profession, ein Spiegelbild ihrer selbst: die Empörten; umgangssprachlich: die Opfer. In der langen Geschichte der Kränkung, des Schmollens und des Beleidigtseins haben sich dabei über die Dezennien und Dezimalstellen hinweg einige Grundformen herausgebildet, die mittlerweile eine hohe Selbständigkeit erreicht haben und auch von Laien wiederholt werden können. Sie ähneln darin Figuren im Ballett, im Eiskunstlauf oder Dressurreiten: Zwar können sie miteinander kombiniert und in gewissem Grade auch variiert werden, dies aber ist weder gewünscht noch geboten; es geht um eine perfekte Perfomance, nicht um originelle Einfälle. Die öffentliche Empörung muß, genau wie ihre Anlässe, gewissen formalen Regeln gehorchen, und in Zeiten standardisierter Provokationen und genau berechneter Ausfälle sollte es niemand wundern, daß auch die Reaktion darauf industriellen Qualitätsstandards genügen muß.

Die tiefe Verletztheit
Hier begibt sich das Opfer einer Beleidigung gänzlich nackert und waidwund in die Arena der Öffentlichkeit; „zeig mir deine Wunde“ ist sein stolzes Motto. An seinem ganzen bloßen Leib zeigen sich die Hiebe, Striemen und Knutschflecken, die die Worte des Beleidigers hinterlassen haben – bzw. nicht, weil unsichtbar. Zwei große Vorteile hat die tiefe Verletztheit: Sie kann und braucht zum einen nicht bewiesen werden, denn ob einen ein böses Wort verletzt hat, weiß man ja wohl immer noch selbst am besten. Man muß zum anderen auch wenig Worte machen; ja die Sprachlosigkeit selbst ist Indikator der Tiefe der Verletzung: Je stummer, desto schlimmer. Dies ist zugleich aber auch der große Nachteil: Denn wer wenig Worte macht, bleibt auch nicht lange in der Öffentlichkeit, kann nicht nachlegen und bleibt etwaigen weiteren Reaktionen des Beleidigers ausgeliefert. Zum anderen wirken tief Verletzte immer auch ein bisserl lächerlich, weil kindisch und unreif. Nur für Profis zu empfehlen!
Zum Umgang mit tief Verletzten: Hier gibt es nur eine richtige Verfahrensweise: Sofort den Arztkoffer aus dem Kühlschrank holen und als Ersthelfer zur Unfallstelle eilen! Denn wer könnte eine Wunde besser heilen, als derjenige, der sie zugefügt hat? Er weiß schließlich genau, wo sie sitzt! Wichtig ist, sich sofort zu entschuldigen: Alles war nur ein großes Mißverständnis und nicht so gemeint. Da die Tatwaffe ja böse Wörter waren und Wörter ja vieles bedeuten können, kann man auch in fast jedem Fall ein solches Mißverständnis behaupten. Ob der tief Verletzte die Entschuldigung annimmt, ist dabei ohne Belang; es geht hier einzig um die Gunst des Publikums.

Die unendlich Geschädigten
Hier ruft das Opfer „Haltet den Dieb!“, denn der Satiriker hat ihm etwas weggenommen: seine Ehre, seinen guten Ruf, seine Kreditwürdigkeit. Es geht recht schnell um Juristisches und um Geld; eine inhaltliche Auseinandersetzung ist regelmäßig nicht erwünscht. Dieser autoritäre Typus glaubt nicht daran, daß Verletzungen durch Worte auch durch Worte geheilt werden können; außerdem möchte er dem Satiriker, den er immun gegen Retourkutschen und Gegenrede glaubt, da wehtun, wo's ihn richtig schmerzt, im Geldbeutel.
Zum Umgang mit unendlich Geschädigten: Meist hilft hier ohnehin nur professionelle, sprich anwaltschaftliche Hilfe. Es ist aber nur recht und billig, nun auch in dieser Wunde zu bohren, und den unendlich Geschädigten als lachhaften Prozeßhansel und dummen reichen Mann zu schmähen, der sich nicht auf intellektueller Ebene zu wehren weiß. Da ein Prozeß ohnehin unabwendbar und sein Ausgang ungewiß ist, sollte man überdies alle Möglichkeiten nutzen, über den Prozeß zu berichten und sein Ausmaß zu skandalisieren. Eine andere, etwas riskante Methode: sich selbst wiederum als Opfer gerieren, die Pressefreiheit hochhalten und den Kläger als undemokratischen Widerling darstellen, der den Rechtsstaat nach seinem Gusto vor sich hertreibt. Hier wirkt man allerdings schnell wehleidig und dementsprechend seinerseits peinlich.

Die menschlich Enttäuschten
Rechnet sich das Opfer einer Provokation eigentlich dem Milieu des Provokateurs zu, so kann es zu dieser Grundform greifen. Der menschlich Enttäuschte weist auf gemeinsame Werte, gemeinsame Wünsche, gar eine gemeinsame Geschichte hin. Vielleicht hat man gar selbt einmal zusammen Witze gerissen, vielleicht war man selbst unter den Provokateuren von ehedem. Gleichwohl: Während das Opfer gelernt und sich gebessert hat, ist der Provokateur heruntergekommen, hat die gemeinsame hohe Jägerswarte verlassen, um nun unten im Gehölz mit Sauen und anderen Viechern schmutzige Sache zu machen. Die menschliche Enttäuschung ist gleichwohl auch stets ein Angebot an den Beleidiger, sich eines Besseren zu besinnen und wieder in die Menschheit zurückzukehren - allerdings erst nach einer Dusche und einem Garderobenwechsel.
Zum Umgang mit menschlich Enttäuschten: Die gemeinsamen Werte sind der dünne Haarschopf, an dem man den menschlich Enttäuschten packen kann: Evtl. ist ja er es, der die gemeinsamen Ideale verraten hat. Und hat der Enttäuschte nicht auch früher schon zu ähnlichen Parolen gegriffen? Gibt es am Ende die Warte der Werte (Wertewarte) gar nicht, sind wir nicht alle schmutzige kleine Waldtiere? Wenn der menschlich Enttäuschte einem die Hand reicht, so sollte man ihn so tief wie möglich zu sich nach unten in den Dreck ziehen.

Die unerträglich Provozierten
Dieser neuere Typ, der sich insbesondere unter Glaubenskriegern jedweder Provenienz und geistiger Zurüstung findet, schreitet von der Welt der Worte in die der Taten: Die Tatsache, geschmäht und verspottet worden zu sein, ist ihm Lizenz zum Durchdrehen. Alles ist erlaubt, sämtliche Grenzen fallen, Botschaften brennen, Köpfe rollen. Wessen Ehre in Frage gestellt wurde, der muß, so die Logik, selbst nicht mehr ehrenhaft handeln; wer karikiert wurde, kann sich umstandslos in die Karikatur seiner selbst verwandeln. Der unerträglich Provozierte nimmt also die Beleidigung wörtlich, verlängert sie und macht sie, wo sie zuvor nur metaphorisch war, zu einer Realität. Er konkurriert also direkt mit dem Satiriker, versucht ihn rechts zu überholen: Wo der Satiriker die Wirklichkeit durch Übertreibung ins Lächerliche ziehen möchte, übertreibt der Provozierte die Wirklichkeit in lachhaftem Ausmaß, bis der Satiriker gar nichts mehr hat, was er überzeichnen könnte.
Zum Umgang mit unerträglich Provozierten: Dieser Typus läßt sich schwer beherrschen, da er ja ausdrücklich die Arena des Meinungskampfs verlassen hat, um den Häuserkampf vorzuziehen. Hier heißt es eisern ausharren: Denn während die Macht der Worte endlos ist, verbrauchen sich Dinge wie Adrenalin, Botschaftsgebäude und Muskelkraft relativ schnell. Abwarten und Tee trinken!

Die besseren Kritiker
Ein gänzlich anderer Konkurrent des Satirikers ist ein Opfer, das auf gleichem Wege zurückschlagen will. Es weist nicht auf innere Verletzungen hin, sondern bekundet sogar ausdrücklich seine Liebe zur komischen Kunst, zur Freiheit der Meinung und der Notwendigkeit der Kritik. Nur er selbst, er gerade, hätte nicht Opfer sein dürfen, oder doch wenigstens nicht so! Der Satiriker habe ihn nämlich nicht verstanden, die Kritik ziele auf die falschen Dinge oder sei von üblen Motivationen getragen; überdies sei sie formal mißlungen. Früher, da habe es noch richtig gute Satire gegeben! Heute jedoch, wo sogar jemand wie das Opfer ein Opfer von Satire werden könne, sei wohl die ganze Kunstform ruiniert und beschädigt. Gewitztere Vertreter dieses Opfertypus greifen dann selbst zur Feder, versuchen, mit gleicher Münze heimzuzahlen, machen selbst Witze auf Kosten des Provokateurs, meist recht maue.
Zum Umgang mit besseren Kritikern: Dieser Menschenschlag macht es einem eher leicht, denn seine Verteidigungsversuche wirken hölzern und unsicher; auch interessiert sich sein Publikum in aller Regel nicht dafür, welch hohe Ansprüche er an die Kunst der Satire allgemein hat, sondern wie er diesem einen konkreten Vorwurf begegnet. Seine Versuche, den Spieß umzudrehen, sind oft hilflos und handwerklich armselig; sie können, wie alle seine Äußerungen, relativ einfach zum Gegenstand weiteren Gespötts werden. In 90% der Fälle verwandelt sich der bessere Kritiker im Lauf des dritten oder vierten Waffengangs in einen der anderen Opfertypen; die Strategie muß dann entsprechend geändert werden.

Fazit
Mit ein bißchen gutem Willen kann fast jede Kritik an Satire beliebig ausgehebelt werden. Man sollte sich dabei allgemein niemals auf die Sachebene herablassen und im Zweifel soviel inhaltliche, zeitliche und räumliche Distanz zum Kritiker schaffen wie nur irgend möglich. Am besten nimmt man eine völlig neue Identität in einem fremden Land an.
zuerst erschienen im Katalog des Festivals "Sauer macht lustig", Berlin 2014

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