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Toptrend Longread

Die Nacht der breiten Rücken. Über Longreads, dicke Schinken und lila Leselust

Garantiert kein Lesevergnügen: Merkelporträts seit ca 1792


Thesen über das Dicksein
Fat-Shaming ist out. Damenbeine werden wieder dicker, bärtige Jungmänner wampen stolz ihren Dadbod durchs Gehölz, und auch die Bücher greifen wieder stolz nach Raum.
Nur ein paar Zahlen: Clemens Setz' „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ gut 1020 Seiten, Guntram Vespers „Frohburg“ mehr als 1000, Frank Witzels manisch-depressive RAF immerhin noch 819 Seiten. Weiter: Thomas Glavinix - 752 Seiten, Eleanor Catton - 1040 Seiten, Dževad Karahasan - 726 Seiten. Bringt Juli Zeh hingegen in typischer Faulheit nur 639 Seiten auf die Waage, finden sich auch jenseits der Hochkultur, auf der Spiegel-Bestsellerliste, noch recht stattliche Seeungeheuer: 400 Seiten hat Lori “Keks” Nelson-Spielmans Roman “Morgen kommt ein neuer Himmel” (“Ich schloss voller Verzweiflung die Augen und flehte Gott an, meine Mutter gesund zu machen”), 576 Seiten Benjamin von Stuckis “Panikherz” (“Die Musik von Udo Lindenberg war, als habe jemand einen Lichtschalter in meinem Kopf betätigt”), schamlose 1280 Seiten nahm sich seinerzeit der immer noch hochgehandelte Buchwürfel “Das achte Leben” von Nino Dschugasch- oder doch wenigstens Haratischwili.

Es sind grotesk aufgeblähte Hormonmonster, die uns in den Buchhandlungen blinzelnd entgegenwatscheln, lebensuntüchtig, selbst schon nach Ausmerzung, Erlösung winselnd. Währenddessen meldet das Statistische Bundesamt einen neuen Rekord fürs Nichtlesen: Der durchschnittliche Deutsche verbringe etwa drei Stunden und 45 Minuten in der Woche mit Lektüre - und damit allerhöchstens 150 Seiten. Je weniger gelesen wird, so scheint’s, um so dicker die Bücher; die Schinken sind Streßesser, die sich angesichts der sterbenden Branche schnell noch mal mächtig Content ranfressen, eh der Winter naht. Angesichts in immer stolzerer Askese daherstaksender Autorengerippe, angesichts von Verlegern, die lieber einem senil vor sich hin brabbelnden Sozialfaschisten wie dem Sarrazin einen Eames-Chair kaufen statt nur einem Newcomer einen vernünftigen Vorschuß zu zahlen, polstern sich die Bücher mit dicken Kissen die Bäuche aus, die ihre Schöpfer nicht mehr haben dürfen, um einen Wohlstand zu suggerieren, den es längst nicht mehr gibt. “Dies nur mal am Rande.” (Th. Hintner)

Sind so große Themen
“Das Leben des autobiografisch schreibenden 'Helden' Bredemeier”, so kommentiert hingegen Der Westen Willi Bredemeiers „Sieben Jahrzehnte im Pott“, “umspannt sieben Bochumer Jahrzehnte von Langendreer (Zeche Siebenplaneten) bis Querenburg (Ruhr-Universität, Abteilungen für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften). In der Familiensaga wird geschildert, wie zwischen den Einwanderern ins Ruhrgebiet und ihren Herkunftsregionen Beziehungen zerbröseln, aber vor allem auch, wie sich das Ruhrrevier in all den Jahren radikal verändert hat.” Sie sind ja auch zu schnell herbeigebröselt, die neueren deutschen Romanungetüme - werden sie doch gewissermaßen aleatorisch verfaßt, werden endlose Nazi-, Stasi- Wende-, Ein- und Auswanderungsmühen, Hitlers rosa Kaninchenpuschen oder Großmutters toller Quarkstrudel je vor dem Hintergrund von Bottrop, Schmalkalden oder Sylter Salatfrische geparkt - Millionen solcher Bücher sind denkbar und könnten z.B. von Gerhard Henschel geschrieben werden. Papier errötet nicht, nur Augen müssen bluten.

Stucki und wir
Dafür, daß sie es eigentlich für unlesbar halten, spreizen sich die Rezensionen zu Barres “Panikherz” ganz schön. So meint Kreye in der Süddeutschen Zeitung, Stuckrad konstruiere “mit Versalien, Gänsefüßchen, Gedankenstrichen und Ausrufezeichen ein Satzbild permanenter Empörung, das in einer SMS funktioniert, aber nicht auf 564 Seiten”. Den Interpunktionsdurchschuß hat er selbst gemessen, händisch oder mit Echolot; wichtig allerdings: Kreye hat für uns gelitten. “Viele Fährten legt der Autor in seinem Buch”, psalmodiert er, “aber alle führen sie in den Abgrund.” Herrje. Als könnten sie nicht einfach sagen, daß sie es nicht gelesen haben, berichten die Rezensenten keuchend von der Schlacht mit dem weißen Walfischbuch. Stuckrad-Barre “muß durch die Hölle gegangen sein”, meint Edo Reents in der FAZ, und zitternd kehren die Kritiker aus ihr zurück. Nebenfrage: Hat eigentlich noch irgendwer auch mal Spaß im deutschen Literatur?

Longreads
Das Langstück respektive “unser Longread”, hauptsächlich vorgestellt auf vielen schlimmen Onlineportalen wie SPON oder Krautreporter, wirft derweil auch immer längere Schatten. “Unser Longread”, das klingt ein wenig so wie der Greis, der beim Kaffeebesuch als  “unser Opa” vorgestellt wird - ein munter quasselndes Gespenst, von sich selbst und seinen Erinnerungen ganz aufgesogen, zwar mitunter etwas lästig, trägt er aber sehr zu einem Zusammengehören oder -kleben bei. Gut, daß es ihn gibt; zuhören können wir ihm bei Gelegenheit. Gleichzeitig wollten gerade doch die Kraut- und andere Gemüsereporter den Journalisten als Verdichter von Erfahrung neu erfinden. Dies aber nur scheinbar ein Widerspruch: Je dichter etwas ist, um so tiefer kann es sinken.

Hitler, jetzt noch länger
Wenn der schwarzgrüne Ministerpräsident Kretschmann in seinem Koalitionsvertrag Bürgerwehren “eine gute Ergänzung für das Sicherheitsgefühl der Bürger” nennt und er demnächst wohl nächtliche Vergewaltigungen als geeigneten Ersatz für normalen Beischlaf empfiehlt, weiß er, daß seine Bürger derzeit besonders in einen Shortread vertieft sind: Hitlers Mein Kampf, kritische Edition, jetzt noch schärfer, böser, unzensiert! Gelesen u.a. auch darum, weil mit 256 Seiten durchaus noch kompakt. Tief enttäuscht zeigen sich besonders die Rezensenten im Feuilleton von Amazon von den vielen überflüssigen Kommentaren der Herausgeber: “Diese Edition zeigt, dass man das kritische Denken lieber Hartmann und Co. überlässt als den Deutschen selbst”, weint Leser C. Bock, “die Bevormundung, die man zu überwinden geglaubt hat, nimmt nun einfach andere Dimensionen an.” Sehr viel ehrlicher da der unverwüstliche Sascha Lobo, der unter seine SPD-Pamphlete regelmäßig ein “tl;dr” und eine Kurzzusammenfassung setzt, weil er ja auch weiß, wie überflüssig der Schmarren in Wahrheit ist. Er hat sein Handwerk noch bei Hitler gelernt.

Die lustigen Weiber vom Buchhandel

Verweisen die aufgeblähten Papierstubenttiger auf einen kranken, verrotteten und bis ins Mark erschütterten Literarorganismus, den nur eine sieghelle Aufnordung durch kühle, blonde Kurzundknappheit erlösen kann, so freuen sich andere, daß überhaupt noch gelesen wird, und sei’s auch wenig oder Hitler: Sehr feuern besonders engagierte Vereine auf die “Leselust”, die es zu wecken gelte: Ein “Verein Leselust” wird im Norddeutschen anlassig, ein Vorleseverein LeseLust Leipzig e.V. setzt den Ossis Lesebrillen auf, und auch ein “Clown Zack weckt in der Cottbuser Stadtbibliothek Leselust” (Lausitzer Rundschau). Sie alle geeint im zähnefletschenden Strahlen von Heilpädogen, die auf Deibel komm raus ausstrahlen wollen, daß Sport Spaß machen kann bzw. muß. Und wer nicht spurt, den holt nächtens die Lesewehr Baden-Württemberg ab. “Es ist ein Elend.” (Elke Wittich)


zuerst erschienen in TITANIC 06/16

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